«Eine gute Arbeitskraft meldet keine Probleme. Sie löst sie.»
— Aus dem Firmenhandbuch, The Parade
Radio München hat diesen Artikel vertont, gesprochen von Ulrich Allroggen.
Nachdem ich den Film Ein Hologramm für den König von Tom Tykwer gesehen hatte, wollte ich eigentlich die Buchvorlage von Dave Eggers lesen und stiess auf seinen Roman The Circle. Kurz danach las ich (aus beruflichen Gründen) die Drehbuchadaption, bevor der Film mit Emma Watson in der Hauptrolle gedreht wurde.
Was mich bei Eggers festhielt, ist sein Handwerk: Er übersetzt soziologische Mechanismen in Dialoge und Verhaltensweisen, die so präzise sitzen, dass man beim Lesen meint, er hat die eigene Umgebung beobachtet. Die Zukunft beschreibt er dabei scheinbar nebenbei. The Circle erschien 2016 auf deutsch. Was darin stand, war kurz danach schlichte Realität: die soziale Verpflichtung zur permanenten Sichtbarkeit, die Gamification von Verhalten, der Applaus für lückenlose Überwachung.
2019 stand ich in einer Buchhandlung und sah seine neueste Novelle auf Englisch im Regal. Kein grosses Versprechen, keine Empfehlung. Ich kaufte sie. Ich las sie an einem Tag.
Dann sass ich eine Weile still.
Die Parade
Das Buch ist kurz. Etwa 200 Seiten, kaum Ausschmückung. Zwei Männer werden von einer namenlosen Firma ohne Pässe in ein namenloses Land geschickt. Sie heissen Vier und Neun. Keine Nachnamen, keine Herkunft, keine Geschichte. Nur Nummern. Das Firmenhandbuch beginnt, wo die Identität aufhört.1
Ihr Auftrag: 230 Kilometer Strasse asphaltieren. Deadline: die Parade. Der Präsident will damit das Ende des Bürgerkriegs feiern. Die Strasse soll den Süden mit der Hauptstadt verbinden. Medikamente, Handel, Zugang. Alle wollen das. Die Strasse ist gut.
Vier ist der Erfahrene. 63 Einsätze, vier Kontinente, siebentausend Kilometer asphaltiert. Er kennt das Firmenhandbuch auswendig. Er isst sein mitgebrachtes Trockenfleisch, spricht nie mit Einheimischen, hält den Zeitplan. Neun ist der Chaot. Er redet mit allen, verschenkt Ausrüstung, erkrankt schwer, überlebt durch die Hilfe von Medaille, einem Mann aus dem Dorf, den Vier von Anfang an misstraut.
Am Ende kommen beide in der Hauptstadt an. Vier sitzt im Flugzeug, das Richtung Heimat ansetzt. Die anderen Passagiere drücken die Gesichter gegen die Scheiben. Unter ihnen beginnt die Parade. Tausende Menschen aus dem Süden bewegen sich auf der neuen Strasse in die Hauptstadt. Vier schaut mit Stolz auf die Strasse, die er gebaut hat. Dann erkennt er Medailles gelbes Tuk-Tuk.
Dann erscheinen Militärfahrzeuge. Die Soldaten eröffnen das Feuer. Das gelbe Tuk-Tuk verschwindet unter Panzerketten.
Vier schaut aus dem Flugzeugfenster. Er kann nichts hören. Er kann nichts tun.
Im selben Flugzeug sitzt ein Rebellengeneral, dem er bereits begegnet ist.2
Die neutrale Strasse
Vier hat die Strasse nicht gebaut, um ein Massaker zu ermöglichen. Er hat sie gebaut, weil ein Präsident Infrastruktur bestellte, eine Firma den Auftrag annahm und ein guter Mitarbeiter seinen Job erledigte. Jeder Schritt ist sachlich begründbar. Die Strasse ist gut. Sie verbindet. Sie bringt Medikamente und Handel in den Süden.
Dass sie auch Panzer in den Süden bringt, war nie die Frage des Strassenbauers.
Das ist der Mechanismus, den Eggers beschreibt. Es gibt keine Elite, die sich zusammensetzt und plant: Wir bauen eine Strasse, damit das Militär später auf Zivilisten feuern kann. Die Strasse wird gebaut, weil sie nützlich ist. Weil ein Präsident sie will. Weil die Firma den Auftrag nimmt. Weil ein guter Mitarbeiter liefert. Die Gewalt kommt später, von anderer Stelle, und sie findet die fertige Infrastruktur vor.
Das System braucht keine bösen Akteure. Es braucht Profis.
Vier ist kein böser Mensch. Er ist vollständig professionell. Das Firmenhandbuch hat sogar Regeln dafür, warum man nicht fragt: «Anomalien sollen gelöst, nicht gemeldet werden.»3 Wer fragt, ist keine gute Arbeitskraft. Wer nichts fragt, kommt pünktlich fertig. In einem Moment der Selbstreflexion, beim Anblick seiner Asphaltiermaschine, denkt Vier einen Satz, der das Ganze zusammenfasst: Hin und wieder baut der Mensch eine vollkommene Maschine. Eine Maschine, die wenig Wartung braucht, die der Welt effizient entnimmt, was sie braucht, ihre Arbeit tut und nichts zurückverlangt.
Er beschreibt die RS-80.
Er beschreibt sich selbst.
Die Banalität des Bösen
Jerusalem, 1961. Hannah Arendt sitzt im Gerichtssaal und erwartet ein Monster. Sie sieht einen Bürokraten. Adolf Eichmann organisierte Züge wie andere Postverteilung. «Er war nicht Jago und nicht Macbeth», schreibt sie später. «Seine einzige bemerkenswerte Eigenschaft war eine fast atemraubende Gedankenlosigkeit.» Sie nennt es die Banalität des Bösen.4
Das Grauen entsteht nicht durch Bestien, sondern durch normale Menschen, die ihre Arbeit machen. Ein Schreibtischtäter, der nie hinterfragt, nur funktioniert. Doch hier liegt eine Gefahr: Arendts Begriff wurde missverstanden und vom System instrumentalisiert.
Die Botschaft, die ankam, war: Jeder Mensch könnte zum Monster werden. Der Mensch ist das Problem. Die Botschaft, die Arendt meinte, war eine andere: Systeme verwandeln denkende Menschen in funktionierende Automaten. Das Grauen kommt von normalen Menschen, die ihre Arbeit machen, ohne die Frage zu stellen, für was.
Die Struktur ist das Problem. Nicht der Mensch ist banal böse.
Das System fördert einen Mechanismus, der menschliches Gewissen untergräbt oder gar ausschaltet. Das System ist es, das aus empathischen Wesen gefühllose Funktionsträger macht.
Die eigentliche Frage ist, ab wann wird der Mensch zum Komplizen des Systems.
Ab wann?
Wer fragt, ab wann Komplizenschaft beginnt, stösst auf eine unbefriedigende Antwort.
Ab dem Moment des Wissens? Vier weiss nie, wofür die Strasse verwendet wird. Er baut in gutem Glauben. Ab dem Moment des Vermutens? Das System hat ihm das Vermuten wegtrainiert. «Anomalien lösen, nicht melden.» Ab dem Moment, wo er fragt, wofür die Strasse benutzt wird? Das Firmenhandbuch legt nahe: nicht seine Frage.
Das führt zu einer unbequemen Konsequenz.
Der Programmierer, der den digitalen Franken entwickelt, baut eine Zahlungsinfrastruktur.5 Neutral. Praktisch. Sicher. Die Frage, ob dieselbe Infrastruktur eines Tages programmiertes Geld ermöglicht, das für bestimmte Ausgaben gesperrt werden kann, bleibt ausserhalb des Aufgabenhefts.
Der Entwickler der Altersverifikationslösung baut ein System, das Minderjährige schützt. Dass dieselbe technische Infrastruktur eine lückenlose Identifikationspflicht im Netz ermöglicht: nicht sein Problem.
Der Ingenieur bei Palantir schreibt Code für Datenanalyse.6 Die Anwendungsfälle findet die Firma.
Alle bauen eine neutrale Strasse. Alle kommen pünktlich fertig. Alle fliegen heim.
Der Unterschied zu Vier ist nur, dass sie nicht aus dem Flugzeug schauen müssen. Das Massaker findet stiller statt.
Der Übersetzer
Eggers ist kein Theoretiker. Er ist Erzähler.
Was ihn auszeichnet, ist die Fähigkeit, abstrakte Mechanismen in konkretes menschliches Verhalten zu übersetzen. In The Circle ist es die junge Frau, die Schritt für Schritt die Grenzen zwischen Privatsphäre und Sichtbarkeit aufgibt, begleitet von Applaus bei jedem Schritt, bis sie selbst nicht mehr weiss, wo die Grenze war.7 In The Parade ist es der Mann, der 63 Einsätze lang gelernt hat, dass Fragen keine gute Arbeitskraft macht, sondern eine Anomalie.
The Parade erschien 2019, vor der grossen Beschleunigung der digitalen Identitätssysteme, vor der globalen Debatte über programmiertes Geld, vor der nächsten Runde der Massenüberwachungsinfrastruktur. Das Buch hat keine dieser Entwicklungen vorhergesagt. Es hat etwas Grundsätzlicheres beschrieben: wie Werkzeuge, die für gute Zwecke gebaut werden, von anderen Händen für andere Zwecke genutzt werden. Und warum die Menschen, die sie bauen, das meistens erst sehen, wenn das Flugzeug schon abhebt.
Das letzte Bild
Vier im Flugzeug, der mit Stolz auf die Strasse schaut, die er gebaut hat. Tausende Menschen ziehen über sie in die Hauptstadt. Er erkennt Medailles gelbes Tuk-Tuk. Dann kommen die Militärfahrzeuge. Er kann nichts hören. Er kann nichts tun. Er schaut zu.
Eggers gibt keine Antwort auf die Frage, ab wann man zum Komplizen wird. Er zeigt, wie ein Mensch aussieht, der sie nie gestellt hat. Ein Mann, der keine bösen Absichten hatte. Ein Mann, der eine Strasse gebaut hat.
Florian Dimitri Leupin
Dave Eggers, Die Parade, Kiepenheuer und Witsch Verlag, 2020, (Original: The Parade, Penguin Random House, 2019). 192 Seiten.
Empfohlene Lektüre:
Dave Eggers, «Ein Hologram für den König», Kiepenheuer und Witsch Verlag, 2013, 352 Seiten.
Dave Eggers, «Der Circle», Kiepenheuer und Witsch Verlag, 2014, 560 Seiten.
Dave Eggers, «Every», Kiepenheuer und Witsch Verlag, 2021, 592 Seiten.
Diese Buch-Entschlüsselung ist Teil der Reihe «Vier Masken des Bösen»:
Vier Bücher, dieselbe Frage: Wann hört ein Mensch auf, er selbst zu sein, und wann fängt er an, es wieder zu werden?
Das geraubte Leben des Waisen Jun Do: Systemische Rollenverteilung
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Dave Eggers, «The Parade», McSweeney’s / Knopf, 2019. Deutsch: «Die Parade», Kiepenheuer & Witsch, 2020. Übersetzt von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann. Die Figuren tragen im Roman keine Namen, nur Nummern: Vier und Neun. Das ist kein Zufall. Wer keine Identität hat, hat keinen Kompass. Das Firmenhandbuch beginnt, wo der Mensch aufhört.
Das Zusammentreffen von Vier mit dem Rebellengeneral im Flugzeug ist im letzten Kapitel des Romans beschrieben. Es ist eines der stärksten Details des Buches: Im Flugzeug sitzen nicht nur neutrale Techniker, sondern auch jene, die das Massaker ermöglicht haben. Vier und der General fliegen gemeinsam heim.
Das Firmenhandbuch ist im Roman nie direkt zitiert, aber seine Logik durchzieht das gesamte Verhalten von Vier. Die zitierten Sätze sind sinngemässe Paraphrasen wiederkehrender Regeln.
Hannah Arendt (1906–1975), deutsch-amerikanische politische Theoretikerin und Philosophin jüdischer Herkunft. Floh 1933 vor den Nationalsozialisten aus Deutschland, lebte ab 1941 in den USA. Berichtete 1961 für den «New Yorker» über den Prozess gegen Adolf Eichmann in Jerusalem. Aus diesen Artikeln entstand ihr kontroverses Werk «Eichmann in Jerusalem: A Report on the Banality of Evil» (1963, dt. «Eichmann in Jerusalem: Ein Bericht von der Banalität des Bösen»). Adolf Eichmann (1906–1962), SS-Obersturmbannführer, Hauptorganisator der Deportation von Millionen Juden in die Vernichtungslager. 1960 in Argentinien vom Mossad aufgespürt, 1961 in Jerusalem vor Gericht gestellt, 1962 hingerichtet.
Digitaler Franken: Seit 2023 arbeitet ein Konsortium aus Schweizer Banken, der SIX Group und weiteren Akteuren an der Infrastruktur für einen CHF-Stablecoin. Ausführliche Analyse der Eigentümerstrukturen und Verflechtungen: «Heureka! Der digitale Franken ist da», einblickdurchsschluesselloch.substack.com, April 2026.
Palantir Technologies wurde 2003 mit CIA-Kapital gegründet. Die Firma entwickelt Software zur Datenanalyse für Geheimdienste, Militär und Strafverfolgungsbehörden. Ausführliche Analyse: «Die sanfte Diktatur, Teil 4: Das allsehende Auge», einblickdurchsschluesselloch.substack.com, April 2026. Zur politisch-religiösen Ideologie hinter der Firma: «Poligion II: Der Sehstein und das Schwert», einblickdurchsschluesselloch.substack.com, Juni 2026.
Dave Eggers, «The Circle», McSweeney's / Knopf, 2013. Deutsch: «Der Circle», Kiepenheuer & Witsch, 2014. Verfilmt 2017 mit Emma Watson und Tom Hanks. Das Buch war eine frühe und präzise Beschreibung der psychologischen Mechanismen sozialer Sichtbarkeitspflicht, sieben Jahre bevor der Druck zur permanenten Online-Präsenz für weite Teile der Gesellschaft Alltag wurde.









