«Das immerhin leistet die Literatur: Sie schaut nicht weg, sie vergisst nicht, sie bricht das Schweigen.»
— Günter Grass
Radio München hat diesen Artikel vertont, gesprochen von Ulrich Allroggen.
Ich habe Chez Max dreimal gelesen. Beim ersten Mal dachte ich, ich wüsste, worum es geht. Beim zweiten Mal merkte ich, dass ich das erste Mal nicht richtig hingeschaut hatte. Beim dritten Mal sass ich eine Weile still da.
Das ist selten bei einem Roman. Es passiert einem fast nur, wenn der Autor etwas Unbequemes über einen selbst herausgefunden hat.
Paris, 2064. Ein Restaurant. Ein Spitzel.
Die Welt, die Jakob Arjouni entwirft, ist nicht besonders fremd. Das ist das Erste, was auffällt. Keine fliegenden Autos, keine Roboter, keine galaktischen Kriege. Nur Paris, 11. Arrondissement, ein gepflegtes deutsches Restaurant namens «Chez Max – cuisine allemande». Auf der Karte steht eine Fischsuppe, benannt nach «Günter», dem Vornamen eines deutschen Nobelpreisträgers für Literatur, erklärt Max seinem Kellner. Das Rezept soll von ihm sein.
Max Schwarzwald, der Wirt, ist ein gepflegter Mann mittleren Alters. Er kennt seine Stammgäste, er achtet auf guten Wein, er hält das Lokal sauber.
Und er bespitzelt seine Gäste für den Geheimdienst.
Die Welt von 2064 ist durch einen 60’000 Kilometer langen Zaun geteilt. Auf der einen Seite: Europa, China, Nordamerika. Demokratie, Fortschritt, Sicherheit. Auf der anderen: der Rest. Armut, Diktatur, religiöser Fanatismus. Dass die Erste Welt womöglich selbst dafür gesorgt hat, dass die Zweite Welt so aussieht wie sie aussieht, ist kein Thema. Den Zaun überhaupt zu erwähnen gilt als staatsfeindlich.
Max gehört zur Ashcroft-Organisation.1 Ihr Auftrag: Verbrechen verhindern, bevor sie geschehen. Wer plant zu stehlen, zu lügen, zu schmuggeln, wird verhaftet. Nicht nach der Tat. Vorher. Weil das Präventivüberwachung ist, und Präventivüberwachung notwendig ist, um die Erste Welt zu schützen. Das leuchtet Max vollkommen ein.
Sein Partner Chen Wu sieht die Dinge anders. Chen ist brillant, zynisch, provokant. Er bricht Tabus, redet über den Zaun, lacht über das System, das ihn bezahlt. Und er ist bei der Ashcroft-Organisation viel erfolgreicher als Max. Das macht Max rasend.
Als Chen eine Schwäche zeigt, greift Max zu.
Der Trick, den Arjouni spielt
Hier ist das Raffinierte: Als Leser sitzt man zunächst auf Maxens Seite.
Das ist Arjounis Handwerk.
Max erzählt selbst. Sein Tonfall ist ruhig, scheinbar selbstreflexiv, gelegentlich fast selbstkritisch. Er hat Gewissensbisse. Er fragt sich, ob er das Richtige tut. Er gibt zu, dass ihm manchmal Zweifel kommen. Das klingt nach einem Menschen, der kämpft. Nach einem Underdog in einem schlechten System. Vielleicht nach einem Helden, der irgendwann aufbegehren wird.
Und Chen? Chen ist laut, arrogant, moralisch fragwürdig. Er sagt Dinge, die man besser nicht sagt. Er wirkt wie der Bösewicht.
Also wartet man auf den Moment, wo Max erkennt, in welchem System er steckt. Wo er sich gegen Ashcroft stellt. Wo er zum Winston Smith wird, zum Rebellen, zum Widerständler.
Dieser Moment kommt nicht.
Max ist kein Winston Smith. Max ist der Wärter. Arjouni hat einen ganzen Roman gebraucht, um das so zu zeigen, dass man es erst am Ende wirklich begreift.
Das System, das sich selbst schützt
Was Arjouni entschlüsselt, ist ein psychologischer Mechanismus, den die meisten Menschen an sich selbst nicht erkennen: dass man im System böse Dinge tun kann, ohne sich selbst als böse zu empfinden. Dass das System einem die Sprache gibt, mit der man alles rechtfertigt. Dass man, wenn man diese Sprache lange genug gesprochen hat, gar nicht mehr merkt, dass man eine Sprache spricht. Man denkt einfach so.
Das erinnert an Patrick Batemans kalte Leere in «American Psycho», nur ohne das Blut.2 Dort ist es die Konsumgesellschaft, die einen Menschen aushöhlt. Bei Arjouni ist es der Sicherheitsstaat, der eine Störung erzeugt, die sich selbst für Gesundheit hält.
Max verrät seinen Freund Leon wegen geplantem Zigarettenschmuggel. Er tut es, weil Zigaretten verboten sind und weil Verbote durchgesetzt werden müssen und weil Leon wusste, was er tat. Max hat Gewissensbisse. Aber er handelt nicht anders.
Max versucht, Chen zu vernichten. Er tut es, weil Chen eine Schwäche gezeigt hat und weil Schwäche verdächtig ist und weil das Richtige immer das ist, was das System als richtig definiert.
Das Böse trägt bei Arjouni keinen schwarzen Umhang. Es trägt eine Schürze, serviert Fischsuppe und empfindet sich als anständigen Menschen, der seinen Pflichten nachkommt.3
Das ist eine Beschreibung eines Mechanismus, der in der Geschichte immer wieder funktioniert hat und der nicht aufgehört hat zu funktionieren. Wer sich fragt, warum Menschen in Systemen mitmachen, die ihnen selbst und anderen schaden: Arjouni zeigt es.
Der Name Max Schwarzwald ist dabei kein Zufall. Ein Deutscher in Paris, Träger eines Namens, der nach Heimat und Ordnung klingt. Arjouni schreibt über die deutschen Tugenden und den schmalen Grat zwischen Pflichtbewusstsein und Pflichterfüllung um jeden Preis. Aber er schreibt eigentlich über alle. Max Schwarzwald könnte aus jedem Land kommen. Er könnte jetzt leben. Er könnte jemand sein, den man kennt.
Die Fischsuppe und Günter
Als Maxens Kellner Alexi fragt, warum die Fischsuppe «Günter» heisst, erklärt Max: Der Vorname eines deutschen Nobelpreisträgers für Literatur. Das Rezept stamme von ihm. Alexi sagt: «Irgendwie schade, dass er dann wegen einem Suppenrezept in Erinnerung bleibt.» Max antwortet: «Bleibt er ja nicht.»
Wer «Günter» ist, sagt Arjouni nicht. Aber Chez Max erschien 2006, in demselben Jahr, in dem Günter Grass öffentlich eingestand, dass er als Jugendlicher Mitglied der Waffen-SS gewesen war und das sechzig Jahre lang verschwiegen hatte.4
Ein Literaturnobelpreisträger, Ikone des deutschen Gewissens, Autor von Die Blechtrommel und Im Krebsgang, einem Roman über verdrängte Schuld: selbst ein Mensch, der sich jahrzehntelang nicht als schuldig sah. Der sein Schweigen mit Pflicht, mit Schutz der Familie, mit dem Schutz seiner Karriere und seiner Wirkung rechtfertigte.
Ein Roman über einen deutschen Protagonisten, der im System mitläuft und sich im Recht wähnt, benennt eine Fischsuppe nach einem «Günter». Das ist Arjouni auf seiner präzisesten Ebene. Die Fischsuppe ist harmlos. Das Schweigen dahinter nicht.
Zwei Romane, dasselbe Jahr
Hier eine Koinzidenz, die mich beim dritten Lesen beschäftigte.
Arjouni wählt 2064 für seinen Roman, den er 2006 schreibt. Aus eigenem Antrieb, als Reaktion auf 9/11 und den Irak-Krieg. Fast zehn Jahre später, 2015, erscheint Germany 2064 von Martin Walker, entstanden im Auftrag der Unternehmensberatung A.T. Kearney anlässlich ihres 50-jährigen Jubiläums.5 Auch dort: 2064.
Zwei Romane, dasselbe Zukunftsjahr, entstanden unabhängig voneinander, mit komplett verschiedenen Blickwinkeln. Walkers 2064 ist eine optimierte Version unserer Gegenwart: Gesundheitschips, autonome Fahrzeuge, lückenlose Überwachung, alles sauber und komfortabel. Ein Szenario-Planning-Dokument in Romanform. Arjounis 2064 ist eine Frage: Was macht das System mit den Menschen, die es aufrechterhalten?
Walker fragt: Wie sieht das System in 50 Jahren aus? Arjouni fragt: Was macht es mit uns?
Beide haben 2064 gewählt. Aber sie meinen nicht dasselbe.
Der Roman erschien drei Jahre nach dem Irak-Einmarsch. Arjouni schrieb ihn, während die Bush-Administration «Präventivkrieg» zur Doktrin erhob. Während Guantánamo lief. Während Folter als «erweiterte Verhörmethode» umbenannt wurde.
Er sah: Angst als Herrschaftsinstrument. Den Zaun als letzte Konsequenz von Abschottungspolitik. Die Sprache des Systems, die alles rechtfertigt. Den Mitläufer als eigentliche Triebkraft des Totalitarismus, nicht den Diktator.
Was er nicht sehen konnte, weil er 2006 schrieb, dass sein Zaun keine Dystopie bleiben würde. Dass Europa 2015 anfangen würde, tatsächlich Zäune zu bauen. Dass Australien, Dänemark und die EU digitale Identifikationspflichten mit dem Schutz vor den Anderen rechtfertigen würden. Dass die Frage, wer zur Ersten Welt gehört und wer nicht, zur politischen Kernfrage des 21. Jahrhunderts werden würde.
Und vor allem: Dass nach Corona die Frage «Warum machen Menschen in einem solchen System mit?» so dringend werden würde wie selten. Arjouni hat die Antwort bereits 2006 geschrieben: weil das System ihnen eine Sprache gibt, in der ihre Mitarbeit tugendhaft klingt. Weil Max Schwarzwald nie weiss, dass er der Böse ist. Weil er es nicht wissen muss.
Arjouni hat nicht erlebt, wie recht er hatte. Das ist das Bitterste an diesem Buch.
Warum man es lesen sollte, und warum man danach wartet
Chez Max lehrt einen etwas, das über den Roman hinausgeht: Wie wichtig es ist, mit dem Urteilen zu warten.
Man glaubt, Chen ist der Böse. Dann merkt man, dass Max der Böse ist. Dann merkt man, dass «böse» das falsche Wort ist, weil Max sich selbst nicht so sieht und das System dafür gesorgt hat, dass er sich nicht so sieht. Und dann sitzt man da und fragt sich, über wie viele Menschen und Situationen man im eigenen Leben zu schnell geurteilt hat.
Arjouni hat denselben Mechanismus in «Hausaufgaben» beschrieben, einem anderen, etwas weniger bekannten Roman. Auch dort: ein Protagonist, der sich im Recht glaubt und es nicht ist. Auch dort: das System, das die Wahrnehmung formt. Wer Chez Max las, sollte Hausaufgaben lesen. Und umgekehrt.
Chez Max ist kein bequemes Buch. Es ist ein Spiegel. Spiegel muss man nicht schön finden, man muss in sie hineinsehen.
Was man dort sieht, ist eine Frage wert: Welche Sprache spricht man selbst, ohne es zu merken? Welche Handlungen rechtfertigt man mit Pflicht, mit Notwendigkeit, mit dem Schutz von etwas Grösserem? Wo ist die Grenze zwischen dem, was man tut, und dem, was man für richtig hält?
Arjouni gibt keine Antworten. Das wäre zu einfach.
Für mich dauerte es drei Lesungen, bis ich die Fragen richtig stellte.
Florian Dimitri
Jakob Arjouni, Chez Max, Diogenes Verlag, 2006. 224 Seiten.
Diese Buch-Entschlüsselung ist Teil der Reihe «Vier Masken des Bösen»:
Vier Bücher, dieselbe Frage: Wann hört ein Mensch auf, er selbst zu sein, und wann fängt er an, es wieder zu werden?
Chez Max: Der Mann, der nicht wusste, dass er böse war
Das geraubte Leben des Waisen Jun Do: Systemische Rollenverteilung
Empfohlene Lektüre:
Jakob Arjouni, Hausaufgaben, Diogenes Verlag, 2001. Derselbe Mechanismus, andere Geschichte.
Günter Grass, Im Krebsgang, Steidl Verlag, 2002. Über Verdrängung und Schuld.
Weitere Buch-Entschlüsselungen:
Imperium: Die fünfte Kolonne - Über Jeffrey Archers Roman, Robert Maxwell und die Frage, wem die Nachricht gehört.
Germany 2064: Wenn Berater die Zukunft vorhersagen - Was der Roman von Martin Walker über unsere Zukunft verrät oder auch nicht.
Ismael: Der Gorilla hatte recht - Über Daniel Quinns Roman und die Geschichte, die wir uns erzählen, ohne es zu merken.
Eiland: Blaupause der Hoffnung - Wie Aldous Huxley den Zugang zur Insel der Seeligen (er)fand.
Erhalte wöchentlich neue Entschlüsselungen. Hier kostenlos abonnieren:
Dieser Blog bleibt für alle frei zugänglich. Wer meine Arbeit finanziell unterstützen möchte, kann das mit einem Paid-Abo tun. Das hilft mir, weiterzuschreiben.
Die Ashcroft-Organisation: John Ashcroft (geb. 1942) war von 2001 bis 2005 Justizminister der USA unter George W. Bush. Er war der massgebliche Architekt des USA PATRIOT Act, verabschiedet 45 Tage nach dem 11. September 2001, der dem Staat weitreichende Überwachungs- und Verhaftungsbefugnisse einräumte, darunter Hausdurchsuchungen ohne Wissen der Betroffenen und Überwachung ohne richterliche Genehmigung. Arjouni benennt die Geheimpolizei seines Romans nach diesem Mann. Kein Kommentar nötig.
American Psycho: Roman von Bret Easton Ellis, erschienen 1991. Protagonist Patrick Bateman ist ein Wall-Street-Banker, der Doppelmorde begeht und dabei völlig emotionslos bleibt. Das Buch entschlüsselt, wie eine Gesellschaft Menschen erzieht, die Gewalt und Konsum gleichsetzen, ohne es zu merken. Das Buch wurde zunächst von Simon & Schuster abgelehnt und dann von Vintage Books veröffentlicht. In Deutschland stand es zeitweise auf dem Index. Arjounis Max ist das Gegenstück: kein Mörder, kein Exzentriker, nur ein pflichtbewusster Mitarbeiter. Genau das macht ihn gefährlicher.
Hannah Arendt, Banalität des Bösen: Die deutsch-amerikanische Politikphilosophin Hannah Arendt (1906–1975) berichtete 1961 für den «New Yorker» über den Prozess gegen Adolf Eichmann in Jerusalem. Ihr Befund in «Eichmann in Jerusalem: Ein Bericht von der Banalität des Bösen» (1963) war radikal: Eichmann war kein Monster, sondern ein Beamter, der Befehle ausführte, Karriere machte und dabei aufhörte zu denken. Arjouni hat Arendt nie als direkte Quelle genannt, aber Max Schwarzwald ist eine literarische Illustration desselben Mechanismus: das Böse als Abwesenheit von Reflexion, nicht als Anwesenheit von Bosheit.
Günter Grass, 2006: Grass veröffentlichte im August 2006 seine Autobiografie «Beim Häuten der Zwiebel», in der er erstmals eingestand, als 17-Jähriger der Waffen-SS angehört und dies sechzig Jahre lang verschwiegen zu haben. Das Geständnis löste eine internationale Debatte aus. «Chez Max» erschien im selben Jahr. Ob Arjouni die Fischsuppe bewusst in diesem Jahr nach «Günter» benannte, ist nicht dokumentiert. Die Koinzidenz spricht für sich.
Germany 2064: Martin Walker, «Germany 2064», Diogenes Verlag, 2015. Ein Zukunftsthriller, entstanden im Auftrag der Unternehmensberatung A.T. Kearney anlässlich ihres 50-jährigen Jubiläums. Walker entwirft eine Welt, die technologisch perfektioniert und lückenlos überwacht ist, und hält sie für attraktiv. Arjouni und Walker wählen unabhängig voneinander dasselbe Jahr für ihre Romane. Was sie über 2064 denken, könnte unterschiedlicher nicht sein.











Ich verfolge deine Buchentschlüsselungen voll gerne und stelle fest, dass ich mir die falschen Genres ausgesucht habe 😅 ich bin aber auch nicht sicher, ob ich diese hier auf ähnliche Weise lesen könnte/würde.
Nebenbei hatte ich in Interpretation immer eine 5, lag immer daneben irgendwie - keine Ahnung was das über mich aussagt… vielleicht sollte ich mich ranwagen und selbst sehen, was ich dort herauslese (falls ich je Zeit dafür finde 🫣)
…packend! Danke dir!